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Gewinn- und Verlustrechnung richtig interpretieren

27.11.2018 Autor Andreas Boegner

Um eine fundierte Anlageentscheidung zu treffen, sollten sich Anleger nicht ausschließlich auf ihr Bauchgefühl verlassen. Hilfreich ist immer ein sachkundiger Blick auf die Zahlen, wenn Sie in Unternehmen investieren. Im Fokus dabei: die Interpretation der Gewinn- und Verlustrechnung (GuV).

Die Gewinn- und Verlustrechnung ist Bestandteil des Jahresabschlusses eines jeden Kaufmanns. Als Gegenüberstellung zeigt sie die Aufwendungen und Erträge des Geschäftsjahres. Entsprechend ermittelt die GuV-Rechnung den Unternehmenserfolg (= Gewinn, auch Jahresüberschuss oder Verlust) und gibt Einblick in die Ertragslage des Unternehmens. Für Freiberufler, Kleingewerbetreibende und "kleine Einzelkaufleute" ist alternativ die sogenannte Einnahmenüberschussrechnung als Gewinnermittlungsart zulässig.

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Mit Blick auf eine erfolgreiche Investition, ist für Anleger die Gewinn- und Verlustrechnung besonders aufschlussreich. Bei Funding Circle schaut sich das Analystenteam jeden Betrieb sorgfältig an, um das Anlagerisiko kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) professionell zu beurteilen. Doch welche Informationen der GuV sind für die Analysten besonders wichtig und wie interpretiert man diese Zahlen?

Beispiel einer Gewinn- und Verlustrechnung

Beispiel einer Gewinn- und Verlustrechnung eines mittelständischen Unternehmens

Die Bedeutung der Gewinn- und Verlustrechnung für Unternehmen

Die GuV ist für Unternehmen Pflichtbestandteil des Jahresabschlusses gemäß § 242 III HGB. Das Ergebnis ist der Jahresüberschuss bzw. Jahresfehlbetrag und ergibt sich aus der Differenz von Erträgen und Aufwendungen einer Rechnungsperiode. Das so ermittelte Ergebnis bildet letztlich eine Bilanzposition im Eigenkapital. Kurzum: Die Gewinn- und Verlustrechnung gibt an, welche Umsätze ein Unternehmen erzielt und welche Aufwendungen in der Rechnungsperiode dagegen standen.

Das oben dargestellte Schaubild zeigt einen beispielhaften Jahresabschluss eines mittelständischen Unternehmens. Zu beachten ist, dass es sich dabei um aggregierte Zahlen handelt, die einzeln betrachtet nur bestimmte Rückschlüsse zulassen. Für eine detaillierte und genaue Analyse, bedarf es zusätzlicher Informationen die im Anhang der GuV zu finden sind.

Wie können Investoren die vorliegende GuV interpretieren? Was bedeuten die einzelnen betriebswirtschaftlichen Kennzahlen?

Die erste betriebswirtschaftliche Kennzahl ist die Gesamtleistung und beschreibt die gesamten Leistungen des Unternehmens in einem Geschäftsjahr. Sie setzt sich zusammen aus der Summe der Umsatzerlöse und eventuellen Eigenleistungen (z. B. eine selbsterstellte aktivierte Software) sowie den Bestandsveränderungen an zu verkaufenden Produkten. Das bedeutet, dass auch nicht verkaufte Produkte die Gesamtleistung erhöhen, weil die angefallenen Aufwendungen für die Produktion in der GuV bereits verbucht sind und den Saldo bei Nichteinberechnung verzerren würden.

Beispiel: Die Gesamtleistung liegt bei 1 Mio. € für 2017 und 1,1 Mio. € für 2016. Sie ist damit im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 10 % gesunken. Prinzipiell gilt: Schwankungen in der Gesamtleistung von 3 bis 5 % sind nicht ungewöhnlich. Hier wäre es also interessant zu wissen, was die Ursache für diesen Rückgang im Jahr 2017 war.

Der Wareneinsatz setzt sich aus dem materiellen Wareneinkauf sowie den in Anspruch genommenen bezogenen Fremdleistungen zusammen (z. B. Dienstleistungen eines Web-Designers oder Beraters). In der GuV wird diese betriebswirtschaftliche Kennzahl als Aufwand ausgewiesen.

Beispiel: Es zeigt sich, dass der Wareneinsatz ins Verhältnis gesetzt zur Gesamtleistung in den letzten drei Jahren von 26 % (2016 ) auf 20 % (2018) gesunken ist. Die Ursachen können sinkende Warenpreise, z. B. durch bessere Verhandlungen oder Währungsschwankungen, ein effizienterer Einsatz der eingekauften Waren durch z.B. technische Optimierungen in der Produktion, das Weglassen bisher genutzter Dienstleistungen oder höhere Verkaufspreise in der Vergangenheit sein. Durch diese Einsparungen ist das Unternehmen zunächst operativ profitabler.

Personalaufwand sind die Aufwände für Angestellte, Arbeiter und Mitglieder der Geschäftsführung. Zu beachten ist hierbei die unterschiedliche Handhabung hinsichtlich des Geschäftsführers je nach Rechtsform: Bei GmbHs sind die Geschäftsführer angestellt. Ihr Gehalt erscheint also in den Personalkosten. Anders verhält es sich bei einem Einzelunternehmen. Hier bezieht der Eigentümer kein Gehalt, sondern bestreitet seinen Lebensunterhalt vom laufenden Gewinn. Das Gleiche gilt bei Personengesellschaften, wie z. B. einer Kommanditgesellschaft (KG). Die Personalkosten beinhalten auch die Arbeitgeberbeiträge für die gesetzlichen Sozialversicherungen sowie andere Leistungen wie Urlaubsgeld und Prämien.

Beispiel: Die absoluten Personalkosten sind rückläufig. Verglichen mit den Gesamtkosten zeigen sie jedoch einen Anstieg von 7,2 Prozentpunkten: waren es im Jahr 2016 noch 18,4 %, sind es im ersten Halbjahr 2018 bereits 25,6 %. Das lässt darauf schließen, dass das Unternehmen möglicherweise neue Mitarbeiter eingestellt hat und die erwartete Umsatzsteigerung noch nicht in dem Umfang eingesetzt hat wie ursprünglich erhofft. Weitere Ursachen könnten auch Gehaltserhöhungen oder die Auswirkungen staatlicher Regulierungen wie dem Mindestlohn sein.

Unter der Position Sonstige Betriebliche Aufwendungen werden alle weiteren Aufwendungen, die im Rahmen der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit anfallen aufgeführt. Dies sind unter anderem Mieten und Pachten, KFZ-Kosten, Werbungskosten, Versicherungsprämien, Prüfungs- und Beratungskosten.

Beispiel: Für das Beispielunternehmen lässt sich ablesen, dass die anderen betrieblichen Kosten stets 50 % der Gesamtkosten ausmachen und somit konstant bleiben.

Das operative Ergebnis, oder auch Betriebsergebnis, bezieht sich auf das Ergebnis vor Zinsen und Steuern und klammert Aufwendungen und Erträge aus, die außerordentlich, betriebsfremd oder periodenfremd sind. International geläufiger ist der Begriff EBITDA (Earnings before Interest, Taxes, Depreciation and Amortisation). Die Kennzahl eignet sich für Jahresvergleiche hinsichtlich des Kerns der betrieblichen Leistungserstellung eines Unternehmens ohne durch größere Investitionen oder Auswirkungen von Steuergesetzen verzerrt zu werden. Darüber hinaus ermöglicht es einen Branchenvergleich von Unternehmen auf internationaler Ebene.

Beispiel: Im Jahr 2017 hat das Unternehmen noch ein sehr gutes operatives Ergebnis von 80.000 € erwirtschaftet, u. a. weil es seinen Wareneinsatz um 4 % reduzieren konnte. Im ersten Halbjahr 2018 blieb dem Unternehmen mit 22.000 € EBITDA (44.000 € auf das ganze Jahr gerechnet) allerdings nur ein geringeres operatives Ergebnis. Grund dafür sind die gestiegenen Personalkosten. Das kann z. B. an der Einstellung neuer Mitarbeiter liegen. Im besten Fall schafft es das Unternehmen, die alten Relationen zwischen Umsatz und Personalkosten wiederherzustellen. Dennoch: Nach Abzug der operativen betrieblichen Aufwendungen verbleibt genügend Gewinn, um die Kreditzinsen zu tilgen.

Unter Abschreibungen versteht man die buchhalterische Wertminderung von betrieblichen Vermögensgegenständen. Dazu gehören u.a. Grundstücke, Maschinen, der Fuhrpark, Werkzeuge oder die Betriebs- und Geschäftsausstattung (BGA).    

Beispiel: Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren wurden vom Unternehmen im ersten Halbjahr 2018 offensichtlich noch keine Abschreibungen gebucht (EBIT = EBITDA). Das tatsächliche Ergebnis wird also am Ende des Jahres niedriger ausfallen, da mit Abschreibungen zu rechnen ist.

Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern ist eine Kennzahl, die das Betriebsergebnis unabhängig von regionalen Besteuerungen und unterschiedlichen Finanzierungsformen anzeigt.

Der Jahresüberschuss bzw. Jahresfehlbetrag ist das abschließende Ergebnis der betriebswirtschaftlichen Auswertung.

Beispiel: Das Unternehmen schreibt Gewinne, denn ein positiver Jahresüberschuss wurde in den Jahren 2016 und 2017 ausgewiesen. Zudem ist erkennbar, dass das Unternehmen auch für das 1. Halbjahr 2018 Gewinn erwartet. Schaut man auf die Profitabilität des Unternehmens, ist erkennbar, dass es in 2017 zunächst profitabler war, denn sowohl das absolute Ergebnis als auch die Nettogewinnmarge sind hier höher als in 2016. Dies liegt unter anderem an dem geringeren Materialeinsatz in 2017. Betrachtet man nun die vorläufigen Zahlen für das 1. Halbjahr 2018 ist zwar der Materialeinsatz weiter gesunken, jedoch sorgen die höheren Personalkosten insgesamt für ein geringeres operatives Ergebnis (EBITDA) und somit niedrigen Gewinn in 2018. Das Ergebnis könnte sich zum Ende des Jahres jedoch durch eine eventuell höhere Gesamtleistung noch verbessern. Für eine genaue Prognose bedarf es hier zusätzlicher Informationen.  

Die GuV ist wichtiger Bestandteil des Jahresabschlusses und somit von großer Bedeutung für Kreditgeber und Investoren bei der Beurteilung einer geplanten Finanzierung oder Investition. Unser Beispiel zeigt Ihnen, wie sich eine solche Gewinn- und Verlustrechnung interpretieren lässt. Auch unser Analyseteam betrachtet die Gewinn- und Verlustrechnung, um Unternehmen und ihre Finanzierungsanfragen bewerten zu können. Ein positives Ergebnis bildet die Grundlage für Unternehmen, um mittels Finanzierungskraft weiter wachsen zu können. So wie im Fall von Fliesenleger Jochen Räkow, der mithilfe einer Finanzierung über Funding Circle eine neue Maschine kaufen konnte und erfolgreich eine Marktlücke besetzte.

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